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Interview

(gekürzt)
Ein Interview mit dem russischen Komponisten und Pianisten Vassily Lobanov
Durchgeführt von Kathrin Ammann
Im Rahmen des Seminars "Oral history: Lebensgeschichten",
(Peter Geiger), 7ss, Wintersemester 03/ 04
Pädagogische Hochschule St. Gallen
St. Gallen, Januar 2004

1. Vorwort

Im August 2003 reiste ich für eine Woche nach Salzburg, um dort den Meisterkursen an der Internationalen Sommerakademie im Mozarteum als Zuschauerin beizuwohnen. Ich besuchte die Meisterklassen verschiedener Klavierdozenten, was sehr interessant war. Ich konnte so die unterschiedlichen Unterrichts- und Spielweisen dieser international bekannten Persönlichkeiten auf eine unabhängige Weise vergleichen.
Der Pianist und Dozent Vassily Lobanov beeindruckte mich besonders. Sein Unterricht war äusserst spannend, da er sich in seinen Äusserungen zur Spielweise seiner Schüler/innen stets auf mehreren Ebenen bewegte. Seine Bemerkungen zur Musik waren ausgeschmückt mit Beispielen aus der Literatur, aus Geisteswissenschaften oder aus anderen Bereichen des Lebens. Durch seine Art, die musikalischen Werke synästhetisch übergreifend zu erklären, erschuf Lobanov ein klares und eindrückliches Bild der Komposition, das einen durch seine Weitläufigkeit persönlich betraf und ansprach.

In einer kurzen Biografie entnahm ich, dass Vassily Lobanov am Tschaikowsky- Konservatorium in Moskau bei Heinrich Neuhaus, dem berühmtesten Klavierpädagogen, studiert hatte. Vor kurzem hatte ich mir dessen Buch “Die Kunst des Klavierspiels“ angeschafft. Der Gedanke, persönlich einen Einblick in die Welt dieser grossartigen russischen Pianisten, darunter auch Sviatoslav Richter, zu erhalten, war für mich so faszinierend, dass ich es wagte, Vassily Lobanov um ein Interview zu bitten.

Er willigte ein und zwei Stunden später sassen wir in einem Restaurant im grossen Einkaufskomplex “Zentrum am Berg“ in Salzburg.

Das Interview fand am 4. August 2003 statt und dauerte ungefähr eineinhalb Stunden. An dieser Stelle möchte ich mich nochmals ganz herzlich für dieses Gespräch bedanken. Die Erinnerungen, Gedanken und Visionen von Herrn Lobanov sind für mich nicht nur musikalisch von höchstem Interesse, sondern auch in anderen Belangen sehr bereichernd.

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3. Studium am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau
3.1 Der Einfluss des sowjetischen Systems auf das Musikstudium
Als 12- oder 13-Jähriger begann Vassily Lobanov seine Ausbildung in einer Zentralmusikschule. Schon dort konnte er neunzig Prozent seiner Zeit dem Üben widmen. Fast automatisch konnte er danach als begabter Schüler in die Klasse von Heinrich Neuhaus eintreten. Mit Neuhaus selber hatte er aber nur wenige Male Kontakt, da dieser eine sehr grosse Klasse und deshalb mehrere Assistenten hatte.

Das Spezielle an den russischen Schulen bestand nicht in einer Technik, die sich von andern unterschied, sondern im sowjetischen System. Ein Kind, welches man dazu bestimmte, Musiker zu werden, konnte sich von Anfang an fast ausschliesslich seiner Karriere widmen, ohne dabei über anderes, wie z. B. das Abitur zu kümmern.

Dasselbe galt auch für Sportler und einige andere Sparten wie Ballet und Physik, die vom Staat sehr gefördert wurden. Dies geschah aber nicht zu eigenen, nationalen Zwecken, sondern das Ziel davon war, dem Westen Eindruck zu machen, militärisch sowie mit Musik und Sport.

3.2 Geprägt von Heinrich Neuhaus
Eines der wichtigsten Prinzipien in der Pädagogik von Neuhaus ist Freiheit beim Spiel. Man soll von Anfang an alles so bequem und einfach als möglich gestalten. So schreibt Neuhaus auf einer der ersten Seiten seines Buches “ Die Kunst des Klavierspiels“ : “Klavierspielen ist leicht“.Er meint damit, dass das Klavierspielen selbstverständlich sein soll.

Neuhaus war zudem Repräsentant eines Grundsatzes, der für Lobanov selbst von grundlegender Wichtigkeit ist: “Musik bedeutet etwas.“ Oft sprechen wir, wenn es um Musik geht, von einer Art Tonspiel, einer Übung oder einer Ansammlung von mathematischen Formeln, in diesem Fall konzentriert man sich nur auf die Töne und die Tonkombinationen. Die Bedeutung der Musik ist aber wichtiger als die Töne, mit denen man sie ausdrückt. Die Bedeutung eines musikalischen Werkes ist oftmals sehr kompliziert. Es ist deshalb unmöglich, sie in Worte zu fassen, man braucht die Töne um sie auf adäquate Weise zu vermitteln. Dies gilt auch für die anderen Künste, wie zum Beispiel die Malerei. Lobanov nennt ein Beispiel von Van Gogh. Jede Kunst hat ihre eigenen Möglichkeiten der Übermittlung. Es ist unmöglich, den Sinn der 9. Symphonie von Beethoven in einem Bild auszudrücken. Genau so absurd wäre es, ein Gedicht in Tönen sinngemäss vermitteln zu wollen.

Trotzdem bilden diese verschiedenen Ebenen in einer gewissen Weise eine Einheit. Neuhaus zum Beispiel bewegte sich sehr frei auf all diesen Ebenen der Künste. Er konnte ohne Probleme von der Musik zur Architektur, zur Literatur oder zur bildenden Kunst übergehen. Er lebte auf den Ebenen, wo Geist lebt.

4. Die Arbeit als Interpret

4.1 Zum Stück finden
Die allererste Aufgabe des Interpreten, das Finden des Stückes, das gespielt werden soll, darf nicht unterschätzt werden. Das musikalische Werk existiert nicht in Zeichen, also in Noten, es existiert hinter den Zeichen in einer anderen Dimension, dazu muss man erst einmal gelangen. Durch den Notentext versucht der Interpret, zum Ursprung vorzudringen. Wenn er dazu gelangt ist, muss er das, was er verstanden hat oder verstanden zu haben glaubt, den Leuten weiter geben.

Interpreten gibt es jedoch nur im Zusammenhang mit Zuhörern. Ein guter Interpret ist der, der den Sinn des Stückes so weit wie möglich erfasst hat. Man kann ein Stück auch falsch verstehen oder gar nicht verstehen. Es gibt leider viele Musiker, die Töne ohne Bedeutung vermitteln. So gelangen sie auch nicht an die Zuhörer.

4.2 Den "Sinn" eines Werkes vermitteln
Natürlich wandelt sich der Sinn eines Stückes so viele Male, wie es Zuhörer gibt. Keiner wird ein Stück auf ein und dieselbe Weise verstehen. Jeder gute Zuhörer ist nämlich auch aktiv und in jeder Seele findet das Stück eine leicht veränderte Resonanz. Wie diese Resonanz ist, spielt keine Rolle. Die Hauptsache ist, dass das Stück eine Wirkung hat. In der Musik haben wir es nicht, wie in der Mathematik oder in einem philosophischen Text, mit einem klaren, eindeutigen Sinn zu tun. Der Sinn hat in diesem Zusammenhang auch etwas mit Gefühlen, etwas mit Geist, etwas mit Religion, etwas mit Natur zu tun. Er ist sehr schwer zu fassen, und genau deshalb gibt es Musik, weil man das Ganze nicht in Worten ausdrücken kann, es ist sozusagen etwas Metaphysisches. Der metaphysische Sinn, den wir der Musik so geben, ist im Plural nichts anderes als der allgemeine und ganze Sinn des Lebens. Man bekommt diesen "Sinn" über verschiedene Quellen. Musik ist nur eine von vielen menschlichen Möglichkeiten, zu diesem Sinn zu gelangen.

5. Musik als Vision

5.1 Komponisten mit Visionen
Wenn Musik besonders tief sein will, kommt sie zur Religion. In der ganzen Epoche der Romantik beispielsweise, mit der Ausnahme Wagners, der eine Art heidnische Religion vermittelte, gelangte die Musik nie auf diese Stufe.

In der deutschen Musik gibt es aber Beispiele wie J. S. Bach und später Beethoven, die dieser Sphäre nahe kommen. Bach ist für Lobanov der Beweis, dass Gott überhaupt existiert. Unter Gott versteht er eine andere Dimension, andere Welten. In der Bachschen Musik wird es für ihn sonnenklar, dass es Dinge wie ein Leben nach dem Tod, die wir mit unserer Vernunft nicht erklären können, gibt.

Dies hat nichts damit zu tun, dass Bach Kirchenmusik geschrieben hat. Das Besondere und das Religiöse an seiner Musik ist die Klarheit und die Selbstverständlichkeit, mit der er sich in diesem Gebiet bewegt. Religion war für ihn lebendig und spielte sich nur im Moment ab. Darüber hinaus war für ihn das Ganze ganz einfach und nicht komplizierter als ein Kochbuch. Diese Klarheit über die geistige Dimension widerspiegelt sich auch in seiner Musik und macht deren Genialität aus.

Beethoven und Mahler waren Visionäre. Sie haben etwas von einer metaphysischen Sphäre gesehen. Ob sie selber dort waren oder nicht, sei dahin gestellt. In Beethovens letzten Klaviersonaten und praktisch im gesamten Werk von Mahler geht es um das, was sich jenseits von unserer materiellen Welt abspielt.

Beethoven selber war sich wohl nicht im Klaren, was er eigentlich gesehen hat. Es muss ja nicht alles verbalisiert sein. Von Mahler gibt es Brieffragmente, in denen er von derartigen Visionen spricht. Man kann daraus ersehen, dass er die ganze Natur wirklich mit ganzer Seele in ihrer Vielschichtigkeit trotzdem als Einheit erfasst. Brahms hat, obwohl es in seiner Musik nicht so klar wird, in seinen Schriften und Interviews, ganz klar gezeigt, dass er daran glaubt, dass seine Musik gewissermassen aus einer anderen Sphäre stammt. In einem Gespräch mit Joachim hat er einmal gesagt: "Meine ganze Musik kommt von Jesus Christ."

Lobanov fügt hinzu, dass beinahe alle grossen Komponisten religiöse Menschen waren. Das sei auch kein Zufall, denn Musik ist wirklich sehr nah an all diesen Sphären.

Auf die Frage, ob es auch heute noch Komponisten mit diesem religiösen Hintergrund gebe, nennt Lobanov Alfred Schnittke, den er persönlich kannte. Auch in Gesprächen hat dieser sich sehr oft Glaubensfragen beschäftigt

5.2 Eine Vision für die heutige Zeit
Vassily Lobanov bezeichnet sich selbst als einen religiösen Menschen. Er stellt sich aber die Frage, was es heute überhaupt bedeute, religiös zu sein, und äussert so Vorbehalte gegenüber der Kirche. " Wir brauchen eine ganz andere Kirche", sagt er, "die jetzige ist nicht flexibel genug, sie sehen alle nur einen Teil der Wahrheit." Die russische Kirche insbesondere ist sehr konservativ und stellt sich gegen jegliche nur mögliche Einigung.

An dieser Stelle erwähnt V.L. einen russischen Dichter und Philosophen, Daniel Andrejew, der in seinem Werk "Die Rose der Welt" eine Vision beschreibt, die seiner Ansicht nach der Menschheit in Zukunft etwas bringen könnte. Es handelt sich dabei um eine Art neue, ökumenische Religion. Andrejew verbrachte zu Stalin-Zeiten etwa zehn Jahre inhaftiert in einer Einzelzelle. Dort offenbarten sich ihm diese anderen Welten. Seine verstorbenen Freunde aus der Vergangenheit sind ihm erschienen und haben ihm all dies gezeigt. Später, als er frei war, zu Chruschtchow-Zeiten, hat er dieses wirklich bemerkenswerte Buch geschrieben. Er beschreibt diese anderen Welten wie jemand, der wirklich dort gewesen ist. Seine Visionen sind sehr kompliziert und vielschichtig und sie spielen sich auf Hunderten von Ebenen ab. Andrejew hat nur manche davon gesehen. Diese anderen Welten sind sehr lebendig. Die Seelen oder Geister, die dort weiter wirken, sind sehr aktiv. Es gibt keinen Vergleich mit der christlichen Vorstellung des Jenseits, einer Art Urlaubsparadies, wo man sich in Ewigkeit erholen kann. Man muss dort weiterarbeiten. Der Komponist wird weiter komponieren, der Maler wird weiter malen, und zwar noch viel mehr als hier. Die Komplexität dieses Systems und die Idee, dass alle Religionen sich in dieser "Rose der Welt" vereinen, gefällt Lobanov sehr. Natürlich unterstützt keine Kirche diese Lehre. Wie genau diese Idee politisch realisierbar wäre, weiss Daniel Andrejew selbst noch nicht. Er erwartet jedoch, dass sie sich in einem Zeitrahmen von zirka 200 Jahren von selbst verwirklichen wird.

6. Sviatoslav Richter

6.1 Äusserste Kompromisslosigkeit
Sviatoslav Richter ist und bleibt wohl die wichtigste Figur im Leben von Vassily Lobanov Er war ein sehr eigenartiger und ungewöhnlicher Mensch, über den man stundenlang erzählen könnte. Lobanov versucht im folgenden, sich auf die wesentlichen Züge seines verstorbenen Freundes zu beschränken.

Sviatoslav Richter hatte in seinem Leben sehr viel Glück. Von Anfang an hat er sehr gute Unterstützung von Heinrich Neuhaus bekommen und natürlich später auch von seiner Frau. Er konnte sein Leben beinahe so leben, wie er wollte. Er wollte stets, dass alles richtig ist, und er war stets sehr konsequent in seinen Haltungen. So empfand er beispielsweise gegenüber vielen deutschen Sitten eine tiefe Abneigung. Obwohl er das Deutsch beherrschte, sein Vater war nämlich Russland-Deutscher, weigerte er sich aus persönlichen Gründen, diese Sprache zu sprechen.

Richter war ein Mensch, der keine Kompromisse einging. Lobanov nennt als Beispiel den Klavierstuhl. "Er ist zwar zu tief, aber ich spiele trotzdem." Bei Richter gab es so etwas nicht. Richter konnte nicht begreifen, wie die Menschen oft zu so faulen Kompromissen fähig sein können.

Auch mit seinen Bekannten war er sehr konsequent. Handelte jemand nicht so, wie er es moralisch für richtig empfand, eliminerte er ihn aus seinem Kreis. Dasselbe galt für seine Interessen. Er interessierte sich nur für das, was er wollte, und nicht für das, wofür man sich interessieren sollte, wie zum Beispiel Politik. So kam es, dass einmal die 6-monatige Amtszeit des kommunistischen Generalsekretärs Tchernenko vorüber ging, ohne dass Richter etwas davon erfuhr, obwohl alle Medien davon sprachen.

6.2 Die vollkommene Sicherheit in seiner Musik
Die kompromisslose Haltung behielt er vor allem dann bei, wenn es um seine Konzerte ging. War er sich eines Stückes nicht zu hundert Prozent sicher oder fühlte er sich nicht in der Lage, es genau richtig zu spielen, so führte er es nicht auf vor Publikum. Oft sagte er deshalb kurzfristig Konzerte ab.

Richter wusste immer ganz genau, wie ein Stück tönen sollte. Diese Vorstellung realisierte er dann bis zur Perfektion, bis er sich sicher war, dass jeder Ton genau richtig gespielt ist. Jeder Interpret entwickelt im Laufe seiner Karriere, einige schon von Anfang an, einen Instinkt dafür, wie ein Werk tönen soll. Bei Richter war dieser Instinkt äusserst ausgeprägt und sicher.

Richter aber liess sich auch von seinen Ideen abbringen. Lobanov erinnert sich daran, dass sie zusammen für ein vierhändiges Konzert ungefähr während zwei Jahren geübt haben. Das waren insgesamt sicher 30 Proben. Genau so wichtig, wie es Richter war, dass die Musik seinen Vorstellungen entsprach, war ihm die Tatsache, dass sich auch Lobanov beim Spiel wohl fühlte.

6.3 Die Begegnung mit Richter
Richters Haus war sehr geschlossen und für kaum jemanden zugänglich. Lobanov lernte ihn durch einen Studienfreund, einen Violinisten, kennen. Der Geiger Oleg Kagan wurde von Richter entdeckt. Sofort erkannte der erfahrene Pianist das Talent des jungen Violinisten und fragte ihn, ob er mit ihm an einem Konzert spielen wolle. Dies war der Anfang einer lebenslangen Freundschaft. Die beiden haben zusammen unzählige CDs aufgenommen und viele Konzerte gegeben. Dank dieser jahrelangen Bekanntschaft konnte Oleg Kagan dann auch Lobanov langsam in die Elitegesellschaft Richters einführen.

Lobanov ist überzeugt, dass sowohl die Bekanntschaft mit Richter als auch die Schule bei Neuhaus keine Zufälle in seinem Leben waren. Schon als er als Kind das Buch von Neuhaus im Regal gesehen hat, ging davon eine Faszination für ihn aus. Er verspürte die Gewissheit, dass das Leben ihn in diese Richtung führen würde.

6.4 Über das Schicksal
Vassily Lobanov ist der Überzeugung, dass unser Schicksal in gewisser Weise vorbestimmt ist. Natürlich kann man auch davon abweichen. Schliesslich haben wir ja einen freien Willen. Das Schicksal eines Menschen ist sicherlich flexibel, doch manchmal weniger, als man glaubt. Es gibt auch Sackgassen. Ein Teil des Schicksals ist schon als Kind in uns vorhanden. Begünstigt ist der, der so gut als möglich spürt, welcher Natur sein Schicksal ist, und danach handelt.

Als Beispiel dafür nennt er Solghenizin, der sagte, es sei gut für ihn gewesen, dass er damals ins Gefängnis gekommen sei. Zuvor war er nämlich durchaus ein Anhänger Lenins. Wäre er nicht selber ein Opfer der Schwachstellen dieser Politik gewesen, hätte er nicht persönlich Kontakte mit Leuten aus den KZs gehabt, wäre er wahrscheinlich einer der regimetreuen Schriftsteller geworden, wie es sie zu Hunderten gab. Erst durch diese schwierige Zeit, die für ihn vorbestimmt war, ist er zu dem Schriftsteller geworden, der er ist.

7. Auswanderung nach Westeuropa

7.1 Gründe für die Auswanderung
Für die Auswanderung gab es praktische Gründe wie zum Beispiel die Finanzen oder dass er sich wünschte, dass seine Tochter eine anständige Schule besucht. Was ihn aber im der Sowjetunion am meisten gestört hat und wohl auch am meisten zu seiner Entscheidung auszuwandern beigetragen hat, ist das ständige Lügen gewesen. Natürlich war die Regierung zu Breschnews Zeiten nicht mehr so totalitär wie die von Stalin. Trotzdem musste man als Künstler immer wieder unehrlich sein, sei es auch nur in kleinen Gesten. Stets musste man als Künstler etwas repräsentieren, wozu man nicht wirklich stehen konnte. Man war gezwungen, zu Sitzungen zu gehen und Leute zu begrüssen, die man eigentlich gar nicht mochte. Jegliche Kritik am Regime war strengstens untersagt. Dieses konstante Lügen fand Lobanov mit der Zeit unerträglich. Er entschied sich gegen den aktiven Widerstand und für das Exil. Er wollte "einfach seine Ruhe haben", was sich sicherlich sehr positiv auf die Musik ausgewirkt hat.

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9. Schlussgedanken
Der erste Eindruck, den ich von Vassily Lobanov beim Besuch seiner Meisterklasse hatte, hat sich bestätigt oder gar verstärkt. Sein Wissen ist von erstaunlicher Weitläufigkeit. Seine Kenntnisse reichen von Politik und Geschichte weiter bis zur Literatur, um schliesslich in der Musik an die grösste Tiefgründigkeit zu gelangen. Die unzähligen persönlichen Erfahrungen und Begegnungen Lobanovs tragen dazu bei, dass seine "Geschichte" so lebendig wird.

Am meisten habe ich es jedoch geschätzt, mit Herrn Lobanov über Dinge zu sprechen, die sich nicht sehr leicht in Worte fassen lassen. An dieser Stelle möchte ich ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry anfügen: "L'essentiel est invisible pour les yeux" (Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.). Vassily Lobanov lebt diesen Grundsatz in seiner Musik und sicherlich auch in seinem Leben. Dies macht unter anderem seine Besonderheit als Künstler aus.

Mit seinen Ausführungen hat er in mir gleich mehrere Interessen geweckt und mir so "neue Welten" eröffnet, die mich gewiss auch in Zukunft beschäftigen und begleiten werden. Ich rechne es ihm hoch an, dass er, als berühmter Künstler, sich die Zeit für dieses Gespräch genommen hat. Wichtige und interessante Lebenserfahrungen und Überlegungen auch andern weiterzugeben ist nicht für alle eine Selbverständlichkeit. Vassily Lobanov soll auch in dieser Hinsicht für viele ein Beispiel sein.